Emmanuel Petit
General Partner, Head of Fixed Income

In einem Umfeld, das von einem energiebedingten Schock infolge der Spannungen im Nahen Osten sowie einer Neubewertung der geldpolitischen Erwartungen geprägt war, haben die Zinsmärkte eine deutliche Korrektur erlebt. Der Anleihenmarkt zeigte sich insgesamt robust, was die Bedeutung einer sorgfältigen Titelauswahl unterstreicht. Vor diesem Hintergrund kombinieren wir die Suche nach attraktiven Bewertungen am kurzen Ende der Zinskurve mit einer aktiven Risikosteuerung und behalten gleichzeitig Chancen im Investment-Grade-Bereich1, bei bestimmten KI-bezogenen Themen sowie bei nachrangigen Finanzanleihen im Blick.
Ende 2025 hatten sich die Zinskurven deutlich versteilt, insbesondere bei langen Laufzeiten – sowohl in Europa als auch in den USA. Diese Entwicklung spiegelte eine steigende Laufzeitprämie wider, bedingt durch wachsende Staatsverschuldung und den schrittweisen Rückzug der Zentralbanken. Obwohl sich die Inflation zum Jahresende stabilisiert hatte, blieb das Risiko eines erneuten Anstiegs bestehen, etwa durch geopolitische Spannungen oder zunehmenden Protektionismus.
Dieses Risiko wurde Anfang 2026 mit dem Konflikt im Iran Realität. Der daraus resultierende Energieschock war erheblich: Öl- und Gaspreise stiegen stark an und befeuerten weltweit erneut den Inflationsdruck. Die Märkte passten ihre Erwartungen an die Leitzinsen rasch an und verabschiedeten sich von zuvor erwarteten Zinssenkungen zugunsten kurzfristig restriktiverer Geldpolitik.
Die Folge war ein deutlicher Zinsanstieg mit unterschiedlichen Entwicklungen je nach Laufzeit. Kurzfristige Zinsen stiegen deutlich stärker als langfristige, was zu einer ausgeprägten Abflachung der Zinskurven führte. Im Euroraum kletterten zweijährige Bundesanleihen von rund 2 % auf etwa 2,6 %, während zehnjährige Renditen Richtung 3,0 %2 stiegen. In den USA näherte sich die zweijährige Rendite 4 %, die zehnjährige lag in der Spitze bei rund 4,5 %2.
Der Markt preist inzwischen ein deutlich restriktives („hawkishes“)3 Szenario ein: nahezu drei Zinserhöhungen der EZB im Jahr 2026 sowie das vollständige Ausbleiben der zuvor erwarteten Zinssenkungen der Fed. Diese Einschätzung erscheint uns angesichts der weiterhin vorsichtigen Kommunikation der Zentralbanken überzogen. Die Notenbanken dürften zögern, schnell auf einen exogenen Schock zu reagieren, dessen Dauer und makroökonomische Auswirkungen noch unklar sind.
Für den Euroraum erwarten die im März veröffentlichten Prognosen der EZB ein moderates Wachstum von rund 1 % im Jahr 2026 sowie eine schrittweise Rückkehr der Inflation zum Zielwert von 2 %2. Zwar wird ein temporärer Inflationsanstieg durch höhere Energiepreise erwartet, ein nachhaltiger Anstieg der Kerninflation jedoch bislang nicht.
Das größte Risiko bleibt eine mögliche Entankerung der langfristigen Inflationserwartungen, die die Zentralbanken zu einem schärferen Kurs zwingen könnte. Dies könnte einerseits durch eine Preis-Lohn-Spirale entstehen, bei der steigende Energiepreise dauerhaft höhere Lohnforderungen auslösen. Andererseits könnte eine zu expansive Fiskalpolitik – etwa durch staatliche Kompensationsmaßnahmen – das Angebotsschock-Signal verzerren und die Haushaltslage verschlechtern. In einem solchen Szenario wären insbesondere lange Laufzeiten anfällig.
Parallel dazu haben sich auch die Renditeaufschläge zwischen Staatsanleihen ausgeweitet. Der Spread zwischen Frankreich und Deutschland bei zehnjährigen Anleihen liegt aktuell bei etwa 70–75 Basispunkten (nach rund 55 zu Jahresbeginn), während der Spread zwischen Italien und Deutschland bei etwa 90 Basispunkten liegt (nach etwa 60 zuvor)2. Dies zeigt, dass in volatilen Phasen selbst die Wahrnehmung von Sicherheit einzelner Staaten infrage gestellt werden kann. Entsprechend bevorzugen wir weiterhin klar deutsche Staatsanleihen.
Der Anleihenmarkt zeigte sich 2025 bemerkenswert widerstandsfähig, mit historisch engen Risikoaufschlägen und einer Performance, die vor allem durch laufende Erträge getragen wurde. Anfang 2026 kam es zu einer moderaten Ausweitung der Spreads, wodurch Bewertungen wieder attraktiver wurden – allerdings ohne systemischen Stress auszulösen.
Spannungen konzentrierten sich auf einzelne Segmente, insbesondere auf Emittenten mit Rating B sowie Teile des Immobiliensektors im Investment Grade1. Abgesehen davon blieb der Markt stabil, Kapitalflüsse moderat und der Primärmarkt weiterhin zugänglich.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt rechtfertigt das Fehlen eines nennenswerten Spreads keine deutliche Neupositionierung im Anleihenbereich. Wir haben jedoch bestimmte Absicherungen teilweise reduziert, um uns in maßvollem Umfang wieder zu engagieren, wobei wir bei der Steuerung des Gesamtrisikos einen sehr disziplinierten Ansatz beibehalten.
Die Wertschöpfung beruht in erster Linie auf der Auswahl der Emittenten und dem Laufzeitsteuerungsmanagement. Wir bevorzugen mittlere Laufzeiten, in der Regel zwischen fünf und sieben Jahren, die eine fast langfristige Haltedauer bei geringerer Volatilität bieten. Dagegen bleiben wir bei sehr langen Laufzeiten, deren Risiko-Rendite-Profil weniger günstig erscheint, vorsichtig.
Im High-Yield-Segment4 bleiben wir defensiv und äußerst selektiv. Zwar sind die Renditen attraktiv, doch bestehen erhöhte Risiken – etwa durch Konjunkturabhängigkeit, Refinanzierungsbedarf zu höheren Kosten und unternehmensspezifische Ereignisse. Wir konzentrieren uns daher auf qualitativ bessere Emittenten (überwiegend BB-Rating) und auf kürzere Laufzeiten.
Unsere Positionierung bleibt vorsichtig und flexibel. Die Gesamtduration liegt nahe neutral bei etwa 4,65. Lange Laufzeiten meiden wir weiterhin, sowohl bei Staats- als auch bei Unternehmensanleihen.
Im März lag der Schwerpunkt unserer Anpassungen am kurzen Ende der Kurve. Wir haben unsere Positionen in zweijährigen deutschen Staatsanleihen ausgebaut, da wir von einem eher unveränderten Kurs der EZB ausgehen. Gleichzeitig halten wir an unseren Positionen in zehnjährigen Bundesanleihen fest, da diese im Falle einer Rezession stabilisierend wirken können.
Bei Unternehmensanleihen bevorzugen wir hochwertiges Investment Grade1 mit einer durchschnittlichen Bonität von A- bis BBB+, mit Fokus auf mittlere Laufzeiten (vor allem 2028–2032).
Unser Basisszenario geht davon aus, dass die Leitzinsen in der ersten Jahreshälfte stabil bleiben, da die Zentralbanken angesichts eines möglicherweise temporären Schocks abwarten.
Die Risiken bleiben jedoch hoch – sowohl makroökonomisch als auch geopolitisch –, weshalb Resilienz und Risikokontrolle Priorität haben. Gleichzeitig bleiben wir opportunistisch und sehen insbesondere drei Themenfelder mit Potenzial:
Private und nicht börsennotierte Schuldtitel: Systemische Risiken erscheinen derzeit begrenzt, doch die Transparenz ist oft gering. Einige Anleihenpreise spiegeln bereits sehr negative Szenarien wider, die aus unserer Sicht nicht durch die Fundamentaldaten gerechtfertigt sind.
Nachrangige Finanzanleihen: Nach der Normalisierung seit 2023 erscheinen Bank-AT1-Anleihen mittlerweile fair bewertet. Versicherungs-RT1-Anleihen hingegen bieten attraktivere relative Bewertungen – durch höhere Emissionsprämien und geringere Marktbeachtung. Wir nutzen daher gezielte Umschichtungen von AT1 in RT1 bei sorgfältiger Emittentenauswahl.
Künstliche Intelligenz: Der Boom im KI-Bereich führt zu einer steigenden Emissionstätigkeit großer Tech-Unternehmen. Dies kann kurzfristig die Spreads belasten, eröffnet aber auch Chancen, insbesondere bei hoch bewerteten Neuemissionen. Hier ist eine selektive Analyse entscheidend.
Unser Basisszenario für 2026 zielt darauf ab, weiterhin attraktive laufende Erträge zu sichern und gleichzeitig das Risiko konsequent zu steuern. In einem volatilen Umfeld kann diese Disziplin helfen, Chancen zu besseren Bedingungen zu nutzen.
Selektivität, Vorsicht und Flexibilität bleiben die zentralen Pfeiler unserer Strategie.