Charles-Edouard Bilbault
Global Equities Portfolio Manager
Die Implementierung der durch digitale Assets bekannt gewordene Blockchain-Technologie, die mitunter mit den Anfängen des Internets verglichen wird, könnte zahlreiche Wirtschaftssektoren revolutionieren. Charles-Edouard Bilbault erläutert ihre Funktionsweise und die konkreten Anwendungen.
Die Blockchain-Technologie ist mit einem verteilten dezentralen Register vergleichbar, in dem das Eigentum aller Nutzer jederzeit festgestellt werden kann und Transaktionen ohne Einschaltung vertrauenswürdiger Vermittler durchgeführt werden können. Die besonderen Charakteristika dieses digitalen Registers bzw. dieser Datenbank sind Verteilung, Dezentralität und Unveränderlichkeit. Verteilung: Die Nutzer werden in einem Netzwerk zusammengefasst, in dem jedes Mitglied über eine Kopie des gesamten Registers verfügt, so dass Sicherheit und Transparenz der Daten sichergestellt sind. Dezentralität: Keine zentrale Kontrollinstanz muss die Richtigkeit und Gültigkeit der Daten zertifizieren. Unveränderlichkeit: Alle neuen Daten können nach ihrer Validierung durch den Konsens unverzüglich in das Register jedes Betreibers aufgenommen und sodann nicht mehr geändert oder gelöscht werden.
Die Blockchain-Technologie geht auf die asymmetrische Kryptographie zurück, das heißt, auf Lösungen für die Verschlüsselung und Entschlüsselung von Daten anhand eines öffentlichen und eines privaten Schlüssels. Das Konzept stammt aus den 1970er Jahren. Die ersten wissenschaftlichen Forschungen zur Blockchain griffen ab den 1990er Jahren darauf zurück. Der Zugang für ein breiteres Nutzerpublikum erfolgte jedoch erst 2008 aufgrund der Veröffentlichung des White Papers „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“, das zu einem Hype digitaler Assets führte.
Obwohl bestimmte Blockchains wegen ihrer vielseitigen Anwendungsmöglichkeiten besonders beliebt sind, wie z.B. die Netzwerke Ethereum oder Solana, gibt es praktisch für jede Anwendung eine Blockchain. Und diese Besonderheit unterscheidet die Blockchain-Technologie vom Internet: Sie beruht nicht nur auf einer einzigen Infrastruktur. Einige Blockchains sind zwar sicherer, aber dafür etwas langsamer, während andere auf eine schnellere Ausführung oder mehr Speicherkapazität setzen. Die Möglichkeiten werden durch die Konzeption bestimmt. Gleichzeitig es mehrere Konsens-Algorithmen, und nicht alle Blockchain-Technologien sind auf Mining aufgerichtet(1). Die Blockchain war für das Mining von Bitcoins gewählt worden, weil sie seinerzeit eine der wenigen bekannten Konsenstechnologien war, mit der ein dezentrales Modell funktionieren konnte. Die Rechenleistung sollte damals die Sicherheit des Netzwerks gewährleisten.
So wie das Internet den Informationsaustausch verändert hat, kann die Blockchain den Austausch von Vermögenswerten und die Übertragung von Eigentum revolutionieren und gleichzeitig die Sicherheit von Transaktionen gewährleisten. Diese Technologie wird zum Fundament für die nächsten Generation digitaler Infrastrukturen, da sie komplexe Wertschöpfungsketten vereinfachen, Prozesse optimieren und Kosten senken kann. Sie flankiert die Entwicklung grundlegender technologischer Trends wie die Tokenisierung, bei der physische Vermögenswerte mit einem digitalen Eigentumsnachweis verknüpft werden. Die Entstehung des „Web 3.0“, einer dezentralisierten Version des Internets, mit der Nutzer an die Stelle der großen Technologiekonzerne treten und die Kontrolle über ihre digitale Identität wieder in die Hand nehmen, dürfte durch diese Technologie ebenfalls gefördert werden. Unternehmen und Institutionen haben seit einigen Jahren bereits die Vorteile der Blockchain erkannt und entwickeln Lösungen für sich selbst und für ihre Kunden.
Zahlreiche Unternehmen, etwa aus der Nahrungsmittel-, der Rohstoffindustrie oder dem Gesundheitswesen, investieren in Blockchain-basierte Tools, um ihre operative Effizienz zu steigern und die Rückverfolgbarkeit ihrer Produkte, Ressourcen oder Kohlenstoffemissionen zu garantieren. Auch Lieferketten nutzen sie für die logistische Rückverfolgung von Sendungen, die Verbesserung ihrer CO2-Bilanz und die Erstellung von Audit Trails in Echtzeit. Im Finanzsektor revolutioniert die Blockchain Geldtransfers, Zahlungslösungen und den Austausch von Vermögenswerten durch Tokenisierung, wodurch Fintechs ein riesiges Betätigungsfeld eröffnet wird. Versicherer nutzen die Blockchain seit fast einem Jahrzehnt dank Smart Contracts, also Verträgen, die automatisch ausgeführt werden, sobald bestimmte, zuvor festgelegte Bedingungen erfüllt sind. Auch institutionelle Nutzer wie Zentralbanken haben bereits mit der Umsetzung von Strategien für den Ersatz physischer Währungen begonnen, die als CBDC(2) bezeichnet werden. Diese digitalen Währungen können die Brokergebühren senken, eine bessere Rückverfolgbarkeit der Kapitalströme sicherstellen, die finanzielle Inklusion vorantreiben und auch der Wirtschaft gezielt Schub verleihen. Generell kann die Blockchain-Technologie Lösungen für alle Probleme liefern, die mit der Verwaltung von Zahlungsflüssen oder – physischem oder geistigem – Eigentum verbunden sind.
Einige Unternehmen haben bereits eine eigene Blockchain entwickelt. So nutzt IBM beispielsweise das Open-Source-Modell(3)‚ Hyperledger‘ für die Zusammenarbeit mit einigen Kunden – eine private Blockchain, in der die Mitglieder des Netzwerks und die Betreiber, die Blöcke, Knoten oder Transaktionen validieren, ausgewählt werden. Auch unternehmensinterne Netzwerke können vollständig auf der Blockchain-Technologie beruhen. Die GAFAM(4) sind auf verschiedenen Ebenen der Wertschöpfungskette aktiv: Cloud-Strukturierung, Datenspeicherung, digitale Assets oder Zahlungssysteme.
Die Nike-Gruppe hat ein französisches NFT(5)-Unternehmen namens RTFKT übernommen, um bestimmte Produkte der Marke in einem Metaversum(6) zu vermarkten. Diese Marketingstrategie zeigt die Innovationsfähigkeit des Unternehmens und seine Fähigkeit zur Gewinnung von Neukunden. Man kann sich durchaus vorstellen, dass der Kauf eines Produkts in einigen Jahren den Erwerb eines NFT ermöglicht. Und NFT haben den Vorteil, dass sie im Laufe der Zeit unverändert erhalten bleiben. Für das Geschäftsmodell von Nike könnten neue Einnahmequellen erschlossen werden, da mit NFT in der Regel Lizenzgebühren verbunden sind. Bei jedem Weiterverkauf könnte ein Teil des Betrags an da Unternehmen zurückfließen.
Das Blockchain-Ökosystem könnte eine neue Generation von Unternehmen hervorbringen, die Wertschöpfungsmodelle und das Dienstleistungsangebot vieler Branchen überdenken und innovative Lösungen entwickeln. Die Anleger erkennen allmählich die mit diesem Thema verbundenen Marktchancen, doch die Auswirkungen und die disruptive Fähigkeit zur Zerstörung der etablierten Ordnung zu antizipieren, ist kein leichtes Unterfangen. Die Blockchain ist in der Tat nur ein Vektor für Innovationen. Die Zahl der Akteure, die neue Anwendungen für die Blockchain entwickeln wollen, dürfte in den kommenden Jahren wohl zunehmen, zumal sich die Technologie selbst weiterentwickeln wird.
(1) Mining ist das Verfahren, mit dem Transaktionen in einem verteilten Register bestätigt und gespeichert werden.
(2) Central Bank Digital Currency: digitales Zentralbankgeld.
(3) Software, deren Zugangscode – und davon ausgehend ihre mögliche Weiterentwicklung – öffentlich zugänglich ist.
(4) Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft.
(5) Non-Fungible Token.
(6) Unendliche virtuelle Welt.